Georg Domian





Eine Zusammenstellung von

Übungen,
       Lektionen,
            Hilfengebung
                 und Unterrichtsbeispielen







Springausbildung:

Einzelhindernisse





ein für das Pferd gut erkennbares Hindernis



Aussehen und Aufbau eines Hindernisses:

Sprünge über Einzelhindernisse sind für Pferde schwierig. Dies hängt zum Teil mit ihrem Sehvermögen zusammen. Bedingt durch ihren nahezu 360°-Rundumblick, können sie zwar alles gleichzeitig erfassen, es fällt ihnen aber schwer, einen einzelnen Gegenstand zu fixieren. Hinzu kommt, dass sie ihre Umgebung nur zweifarbig wahrnehmen und sie ein Objekt nicht direkt mit dem Auge, sondern ausschließlich über die Kopfhaltung fokussieren können.
Ein pferdegerechtes Hindernis sollte demzufolge einladend, fair und gut erkennbar sein. Wichtig ist eine klare Grundlinie und eine deutlich sichtbare obere Begrenzungslinie. Kontrastreiche, farblich unterteilte Stangen, die sich auffällig vom Untergrund abheben sind dafür am besten geeignet. Ein geschlossen wirkender Aufbau mit vorgelegter Absprungstange und Fängen zu beiden Seiten machen das Hindernis einladender und sind zumindest zu Beginn der Springausbildung eine Hilfe für das Pferd.


Flugkurvenverlauf, Absprung- und Landedistanz:

Beim Sprung über ein Hindernis enteht eine Flugkurve mit einem nahezu parabelförmigen Verlauf. Größe und Bauart des Hindernisses bestimmen die Höhe und Weite der Kurve, die durch den Scheitelwert, Absprung- und Landedistanz gekennzeichnet ist. Sie stellt den idealen Flugkurvenverlauf dar, den der Reiter über das Tempo, den richtigen Absprungpunkt und den Impuls beim Abspringen anstrebt.
Der höchste Punkt sollte bei einem Hochsprung über dem Hindernis, bei einem Weit- oder Hoch-Weit-Sprung über der Mitte und bei einer Tipplebarre zwischen der zweiten und dritten Stange liegen.












Toleranzbereich:

Die richtige Absprungdistanz ist für eine maximale Sprungleistung von besonderer Bedeutung. Sie entspricht (bei einem Hochsprung) in etwa der Höhe des Hindernisses. Ein dichter an das Hindernis herangerittenes Pferd muss steiler springen und ein zu früh abspringendes folglich flacher. Daraus ergibt sich ein Toleranzbereich für die minimale und maximale Absprungdistanz. Mit zunehmender Höhe des Hindernisses wird dieser immer enger. Es liegt am Taxiervermögen von Pferd und Reiter, die optimale Absprungdistanz durch Verlängern bzw. Verkürzen der Galoppsprünge einzuhalten.
Beim Training kann eine vorgezogene Grundlinie mit Hilfe einer Absprungstange das Absprungverhalten des Pferdes verbessern. Das Pferd wird veranlasst hinzusehen und seinen Hals tiefer zu tragen. Auch eine Planke hinter dem Hindernis erhöht die Aufmerksamkeit und beeinflusst die Flugbahn. Gleichzeitig wird dadurch die Tendenz zum Losstürmen nach dem Sprung unterdrückt.



Hindernisse mit vorgezogener Grundlinie zur Verbesserung des Absprungverhaltens und der Flugbahn





Die einzelnen Phasen des Sprungs:

Der Sprung über ein Hinderniss besteht aus mehreren Phasen: Jede dieser Phasen ist für einen stilistisch guten Sprung gleich wichtig. Durch die Aufteilung in einzelne Elemente ergeben sich beim Training, bei der Beurteilung und bei der Fehleranalyse Vorteile. Fehler können so besser erkannt und durch schwerpunktmäßiges Üben gezielt beseitigt werden.

Die Phase des Anreitens:
Das Anreiten eines Sprunges geschieht im leichten Sitz in einem gleichmäßigen, etwas erhöhten Grundtempo. Idealerweise sollte das Pferd leicht zum Hindernis ziehen, aber auf keinen Fall hektisch werden oder sogar losstürmen. Es sollte in Anlehnung gehen und jederzeit kontrollierbar sein. Für den richtigen Anreitweg ist der Reiter verantwortlich. Zumindest in der Anfangszeit sollten Hindernisse mittig und gerade angeritten werden. Dabei schaut der Reiter über den Kopf des Pferdes und über die obere Stange des Hindernisses hinweg.
Der schwierigste Teil der Anreitphase besteht darin, am Hindernis mit der richtigen Absprungdistanz anzukommen. Tempo und Anreitweg sind dafür entscheidend, gegebenenfalls eine Korrektur durch Verlängern oder Verkürzen der letzten Galoppsprünge. Dabei soll das Pferd nicht auseinanderfallen oder eiliger werden. Nur die Sprünge sollen raumgreifender oder versammelter werden. Dies erfordert vom Reiter ein sicheres Augenmaß, viel Training und Erfahrung.


Absprung-, Flug und Landephase:
Der Sprung selbst gehört dem Pferd! Es darf während des Sprunges nicht durch die Reiterhand oder das Reitergewicht gestört werden. Der Reiter versucht lediglich, sich der Bewegung und Schwerpunktverlagerung des Pferdes anzupassen, indem er sein Gesäß leicht aus dem Sattel hebt, den Oberkörper aus der Hüfte heraus nach vorne neigt und seine Hände in Richtung Pferdemaul vorschiebt, um die erforderliche Dehnung des Pferdehalses zuzulassen. Dabei muss die Neigung des Oberkörpers ständig der Flugphase angepasst sein. Die Unterschenkel bleiben während des Sprungs unverändert am Gurt, sie bilden das Fundament des Reiters, über dem er seinen Oberkörper ausbalanciert.
Beim Landen ist ein fester Knieschluss wichtig, um nicht im Sattel nach vorn zu rutschen. Der Aufstoß wird über ein federndes Fußgelenk und über die Hüfte abgefangen. Gleichzeitig wird der Oberkörper wieder zurückgenommen.
Bereits über dem Sprung sollte der Reiter mit Kopf und Oberkörper in die neue Bewegungsrichtung schauen, damit das Pferd auf dem richtigen Fuß landet und im Handgalopp weiter galoppiert.



Sitz des Reiters während der Absprung-, Flug- und Landephase




Phase des Weiterreitens:
Nach dem Sprung ist vor dem Sprung. Im Parcours folgt jetzt schon wieder das Anreiten zum nächsten Hindernis. Dazu muss das Pferd im gleichbleibenden Tempo auf vorgegebener Linie weitergeritten werden. Es muss wieder an die Hilfen gestellt werden, um Tempo und Haltung gegebenenfalls zu korrigieren. Der Reiter sollte das Gefühl haben, sein Pferd vor sich zu haben. Dies darf auf keinen Fall durch harte Zügeleinwirkung erzwungen werden, sondern auch hier gilt es, das Pferd gefühlvoll an das Gebiss heranzutreiben.
In der Praxis sieht man leider oft das Gegenteil! Ein weiterer, häufig zu beobachtender Fehler ist psychologisch bedingt: Der Reiter hat den Sprung sehr konzentriert und mit viel Energie vorbereitet. Ist er gelungen, ist die Luft raus und die Konzentration weg. Das Pferd fällt auseinander oder wechselt sogar die Gangart. Hier hilft nur die Vorstellung, weiterreiten zu wollen.
(Dieses Phänomen ist auch häufig bei Turnieren am letzten Hindernis zu beobachten).


Übungen:

Für das Pferd ist es am leichtesten, wenn es auf gerader Linie, im rechten Winkel und mittig zum Sprung herangeritten wird. Hier hat es die größte Chance, das Hindernis richtig zu taxieren und in die günstigste Absprungdistanz zu kommen. Gegebenenfalls muss der Reiter durch Verlängern und Verkürzen der Galoppsprünge korrigierend eingreifen. Abgesehen von der Schwierigkeit, die Sprünge raumgreifender oder versammelter zu reiten, benötigt der Reiter vor allem ein sicheres Augenmaß. Hierfür können die folgenden Übungen hilfreich sein.


Mitzählen der Galoppsprünge:


Das Mitzählen der Galoppsprünge schult das Rhythmusgefühl und das Augenmaß für die Distanz zum Hindernis. Der Reiter soll laut zählen, und zwar in dem Moment, in dem die Vorderbeine aufsetzen. Zunächst wird nur der Absprung mit "1" angekündigt. Danach wird der letze Galoppsprung vor dem Hindernis mitgezählt (2 - 1). Diese Übung wird so lange gesteigert, bis der Reiter den "count-down" für die letzten 4 oder 5 Galoppsrünge mitzählen kann.



Unterschiedliche Anreitwege:

Eine weitere Möglichkeit, passend zum Hindernis zu kommen, besteht darin, den Weg dorthin geringfügig zu verlängern bzw. zu verkürzen. Diese Variante bietet sich auf gebogenen Anreitwegen an. Beim Reiten aus einer Wendung ist der Moment des Abwendens für die richtige Distanz zum Hindernis entscheidend. In beiden Fällen ist auch hierbei das Mitzählen der Galoppsprünge hilfreich.