Georg Domian





Eine Zusammenstellung von

Übungen,
       Lektionen,
            Hilfengebung
                 und Unterrichtsbeispielen

Grundlagen

Skala der Ausbildung

Bedeutung der Ausbildungsskala

Die Ausbildungsskala ist das Ergebnis einer über viele Jahrhunderte entwickelten und optimierten Reitlehre. Der Begriff steht als Synonym für eine systematische und schonende Pferdeausbildung nach den Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Die Gymnastizierung des Pferdes, die Vertrauensbildung zwischen Mensch und Pferd und die Ausbildung zu einem "durchlässigen" Reitpferd sind die inhaltlichen Ziele dieses ganzheitlichen Ausbildungssystems. Die Gesunderhaltung des Pferdes und die Entfaltung seiner natürlichen Möglichkeiten stehen dabei im Vordergrund.

Weitere Merkmale und Vorteile der Ausbildungsskala:


Ziele der Ausbildungsskala

Die Ausbildung des Reitpferdes ist in drei Phasen gegliedert:
Jeder Phase sind Ziele (Ausbildungsstufen) zugeordnet. Es sind die sechs Komponenten:
Die Stufen bauen zwar aufeinander auf, sie sind jedoch nicht als starres Ausbildungsschema zu verstehen, das nacheinander abgearbeitet werden soll. Die Komponenten beeinflussen sich gegenseitig und die Grenzen untereinander sind fließend. Übergeordnete Ziele der Ausbildungsskala sind die Verbesserung der Durchlässigkeit und des Gleichgewichts.


Schematische Darstellung der Ausbildungsskala

Erklärung der Begriffe:

Takt ist das räumliche und zeitliche Gleichmaß in den drei Grundgangarten. Er muss nicht nur auf geraden Linien, sondern auch in allen Wendungen, in Übergängen und bei Seitengängen erhalten bleiben. (Jede Übung oder Lektion, die Taktunreinheiten aufweist, ist fehlerhaft und jeder Ausbildungschritt, der zu Taktfehlern führt ist falsch.) Der Takt muss dem individuellen Grundtempo des Pferdes angepasst sein.

Losgelassenheit zeigt ein Pferd, wenn es sich zwanglos in allen drei Gangarten bewegt. Wenn es physich und psychisch entspannt ist. Wenn es taktrein geht, über den Rücken schwingt und und bereit ist, sich vorwärts-abwärts zu dehnen.

Anlehnung ist die konstante, und zugleich weiche, elastische Verbindung zwischen der Reiterhand und dem Pferdemaul. Das Pferd soll die Anlehnung suchen. Niemals darf sie durch rückwärtswirkende Zügel erzwungen werden! Dosierte vorwärtstreibende Hilfen zur Schwungentwicklung, ein losgelassener Sitz und eine ruhige Hand des Reiters sind die besten Voraussetzungen, um eine vertrauensvolle Anlehnung zu erreichen.

Schwung kommt aus der Hinterhand. Die Hinterbeine müssen energisch vorwärts-aufwärts abfußen und weit nach vorne durchschwingen. Dabei muss das Pferd losgelassen sein und in Anlehnung gehen, um die Bewegung über einen elastisch, federnden Rücken bis zum Gebiss durchzulassen.

Geraderichten ist notwendig, um beim Pferd eine gleichmäßige Belastung der Gliedmaßen zu erreichen (Gesunderhaltung!). Darüber hinaus wird die Schubkraft optimiert und die Durchlässigkeit auf beiden Händen verbessert.
Ein Pferd ist dann geradegerichtet, wenn es sich auf geraden und gebogenen Linien hufschlagdeckend bewegt, also die Hinterhand in die Spur der Vorhand tritt (ausführliche Beschreibung siehe:  Geraderichten).

Versammlung und relative Aufrichtung sind unmittelbar miteinander verbunden. Ein versammeltes Pferd nimmt mehr Last mit der Hinterhand auf. Dafür muss es mit den Hinterbeinen mehr unter seinen Schwerpunkt treten. Das wiederum ist nur über vermehrte Hankenbeugung möglich. Durch die starke Winkelung der Hinterhand senkt sich die Kruppe des Pferdes. Es kommt zu einer relativen Aufrichtung. Der Reiter hat das Gefühl, als würde er bergauf reiten. Die Schritte, Tritte oder Sprünge werden kürzer, ohne an Fleiß zu verlieren. Das Pferd geht ausbalanciert und in Selbsthaltung. Dadurch entsteht ein erhabener Bewegungsablauf.

Gleichgewicht zwischen Pferd und Reiter ist eine Grundvoraussetzung für harmonisches Reiten. Die Verbesserung des Gleichgewichtsgefühl ist daher ein übergeordnetes Ziel in jeder Ausbildungsphase. Das Pferd muss lernen, sich auch unter dem Reiter in allen Situationen auszubalancieren. Nur dann kann es sich losgelassen, taktrein, schwungvoll und kadenziert bewegen. Ein losgelassener, ausbalancierter Sitz des Reiters, der das Pferd in seinen Bewegungen nicht stört, ist dafür unbedingt erforderlich.

Durchlässigkeit ist das Resultat aller Ausbildungsstufen. Sie ist dann erreicht, wenn das Pferd in allen Gangarten und auf beiden Händen losgelassen, zwanglos und gehorsam auf alle Hilfen sofort reagiert.


Die Ausbildungsphasen

1. Gewöhnungsphase
Die Ausbildung des Pferdes verläuft nach dem Grundsatz: Vom Leichten zum Schweren. Taktreinheit und damit verbundene Losgelassenheit sind die Grundvoraussetzung für alle weiteren Ausbildungsstufen. (Ein verspanntes, aufgeregtes oder ängstliches Pferd ist nicht lernfähig!) Zur Losgelassenheit gehört aber auch, dass das Pferd Anlehnung sucht (und sie vom Reiter erhält). Die ersten drei Stufen der Ausbildungsskala stehen also in Wechselbeziehung zueinander. Sie bilden die Gewöhnungsphase, die am Anfang der Ausbildung und am Anfang jeder Reitstunde steht (ausführliche Beschreibung siehe: Lösungsphase).







2. Entwicklung der Schubkraft
Die Schubkraft ist gekennzeichnet durch eine schwungvolle Gangart im Trab bzw. Galopp. Eine gut gewinkelte Hinterhand, ein energisches Vorwärts-aufwärts-Abfußen und weit nach vorne durchscwingende Hinterbeine geben dem Pferd die schwungvolle Bewegung. Voraussetzungen dafür sind ein losgelassener Rücken, keine Störungen in der Anlehnung und ein geradegerichtetes Pferd (siehe auch:  Geraderichten).











3. Entwicklung der Tragkraft
Der Rücken des Pferdes bildet eine Brücke zwischen Vor- und Hinterhand, die durch das Reitergewicht zusätzlich belastet wird. Um das Gewicht des Reiters besser tragen zu können, muss das Pferd lernen, mit den Hinterbeinen mehr unter seinen Schwerpunkt zu treten. Dafür müssen die Muskelpartien der Hinterhand durch Training gekräftigt werden. Ein vermehrtes Untertreten erfordert eine stärkere Winkelung der Hinterhand (Hankenbeugung). Dadurch senkt sich die Kruppe des Pferdes und es kommt zu einer relativen Aufrichtung. (Der Reiter hat das Gefühl, das Pferd "vor sich zu haben".) In Verbindung mit den erhabenen Tritten spricht man von Versammlung. Das Pferd bewegt sich mit seinen Füßen auf einer kleineren Grundfläche und wird dadurch wendiger und empfindlicher für feine Hilfen.






Ziel aller Ausbildungsstufen ist die Steigerung der Gleichgewichtsfähigkeit und der Durchlässigkeit. (Das Pferd soll sich in allen Situationen unter dem Reiter ausbalancieren können und die Hilfen des Reiters bereitwillig annehmen und ohne Verzögerung ausführen.)