Georg Domian




Eine Zusammenstellung von

Übungen,
       Lektionen,
            Hilfengebung
                 und Unterrichtsbeispielen

Bodenarbeit




Erste Begegnung mit Santos, einem jungen Hengst

       
anfangs:   ... noch etwas aufmüpfig                                     wenig später:  ... absolut folgsam      



Voraussetzungen

Zur Kommunikation mit Pferden sind eine gute Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen und das Gespür für den richtigen Augenblick von großem Vorteil. Aber auch Durchsetzungsvermögen und Konsequenz sind gefordert. Die Kommunikation geschieht hauptsächlich über die Körpersprache. Sie bewusst einzusetzen, ist für die meisten Menschen ausgesprochen schwierig und erfordert eine hohe Konzentration.
Ein solides Basiswissen über das Verhalten von Pferden, ihrer Herdengesetze und ihrer "Umgangssprache" bildet die Grundlage für diese Form der Bodenarbeit.


Die frei lebende Herde

Pferde sind von Natur aus Flucht- und Beutetiere, die im Herdenverband leben. Als Einzelgänger hätten sie kaum Überlebenschancen. Die Herde bietet ihnen den größtmöglichen Schutz vor Feinden und ermöglicht gleichzeitig die Pflege sozialer Kontakte. Zu einer frei lebenden Herde gehören ein Leithengst und etwa 20 - 50 Stuten mit ihren Jungtieren. Der Leithengst ist der einzige geschlechtsreife Hengst in der Herde. Er deckt die Stuten und verteidigt seine Herde gegen eventuelle Angreifer oder Konkurrenten. Die eigentliche Führung übernimmt die Leitstute. Sie ist eine unumstrittene Autorität, deren "Anweisungen" von allen Herdenmitgliedern bedingungslos befolgt werden. Dieses Prinzip der Folgsamkeit ist für Pferde überlebenswichtig. Es bildet die Grundlage für das Zusammenleben in der Herde und bietet bei einer Flucht die größte Sicherheit.


Die Rangordnung

Alle Lebenswesen, die in einer Gemeinschaft leben, haben im Laufe der Evolution eine soziale Struktur entwickelt. Fast immer eine hierachische Form mit autoritärer Führung, in der Position, Rechte und Pflichten der Mitglieder geregelt und für eine gewisse Zeit festgelegt sind.

Bei Pferden ist das nicht anders. Die autoritäre Führung der Leitstute und die klare Regelung der Rangordnung garantieren das Prinzip der Folgsamkeit. Jeder folgt dem Ranghöheren und alle folgen der Leitstute. Dabei kann die Rangfolge sich durchaus ändern. Wichtig ist, jeder kennt seinen Platz.
Ursachen für Änderungen in der Hierachie einer Herde sind meistens Alterungsprozesse. (Jungpferde werden eingeordnet und ältere oder schwächere Tiere werden in ihrer Position nicht mehr akzeptiert.) Bei Pferden, die auf einer Weide eine künstliche Herde bilden, sind es hauptsächlich die Neuzugänge, die einen regelrechten Dominoeffekt in der Rangordnung hervorrufen können.
Die Neuordnung ist selten das Ergebnis von heftigen Kämpfen. Sie wird meistens sehr subtil ausgemacht. Dabei geht es immer um die Frage: Wer bewegt wen? Der Ranghöhere bestimmt den Bewegungsspielraum des Rangniedrigeren. Wer ausweicht oder sich vertreiben lässt, hat den anderen als Ranghöheren akzeptiert.
Dieses pferdetypische Verhalten bildet die Basis für die Arbeit im Round-Pen.


Nonverbale Kommunikation

Herdentiere müssen zwangsläufig miteinander kommunizieren. Als Flucht- und Beutetiere müssen sie sich möglichst lautlos verhalten. Diese scheinbaren Gegensätze haben dazu geführt, dass Pferde im Laufe der Zeit ihre eigene, lautlose Sprache entwickelt haben. Eine Körpersprache, die im Wesentlichen aus Mimik und Gebärden besteht. Aber auch die Position zueinander (Stellung und Winkel) haben eine Signalwirkung und sind von großer Bedeutung. Außerdem haben Pferde ein sehr feines Gespür für Stimmungen.

Ihre Sensibilität, ihre Körpersprache und ihr genetisch festgelegtes Verhalten (Rangordnung, Folgsamkeit) bilden die Grundlage für die Kommunikation bei der Bodenarbeit. Die Verständigung erfolgt weitgehend über die Körpersprache. (Körpersprachliche Signale verstehen Pferde, verbale Kommandos müssen sie erst lernen.)
Körperhaltung, Ausdruck und die eigene Position zum Pferd sind die Grundelemente der Körpersprache und enthalten in ihrer Kombination die "Botschaft" für das Pferd. Blickrichtung, Atmung und der Klang der Stimme sind weitere Informationen. Ob und wie das Pferd darauf reagiert, hängt im Wesentlichen von der Konzentration, dem richtigen Timing und der Entschlossenheit des Trainers ab.
Ziel der Kommunikation ist es, vom Pferd als Ranghöherer respektiert zu werden und darüber Vertrauen zu erhalten. Dies ist der Schlüssel für eine harmonische Beziehung.


Kommunikation durch Körpersprache:
Auch im Galopp folgt Candy der Aufforderung zum Hereinwenden




Das Round-Pen

Das Round-Pen unterscheidet sich grundsätzlich nicht von einem Longierzirkel. Wichtig sind eine stabile und nicht überspringbare Begrenzung und ein rutschfester Bodenbelag. Der optimale Durchmesser beträgt 12 - 16 m.
Das Round-Pen ist auf Grund der kreisförmigen Anordnung ein idealer Ort zur Kommunikation mit Pferden. Im Mittelpunkt stehend, hat der Mensch die günstigste Position und die größtmögliche Kontrolle über das Pferd. Von hier aus ist der Abstand zum Pferd immer gleichbleibend. Es kann nicht flüchten und es kann sich den "Anweisungen" nicht entziehen. Es achtet daher verstärkt auf die Signale und lässt sich leicht in jede gewünschte Gangart und Richtung bewegen. Dabei geht es nicht darum, das Pferd Runde um Runde zu "scheuchen". Die Arbeit im Round-Pen ist auch kein reines Dominanztraining. Es geht vielmehr darum, mit dem Pferd zu kommunizieren, es aufmerksam zu machen und über die Körpersprache eine vertrauensvolle Verbindung aufzubauen.

Steht kein Round-Pen zur Verfügung, kann man auch eine Hälfte der Reithalle gut sichtbar absperren. Die daraus entstehende quadratische Grundfläche von 20 * 20 m ist zwar etwas groß und hat den Nachteil, dass die Pferde versuchen, sich in den Ecken der Hilfengebung zu entziehen. Es macht die Aufgabe dadurch aber auch interessanter. Außerdem ergibt sich daraus der Vorteil, dass das Pferd nicht auschließlich auf einer gebogenen Linie läuft, sondern gezwungen ist, ständig zwischen Geraderichtung und Biegung zu wechseln.


Die Ausrüstung

Für die Arbeit im Round-Pen sind ein etwa 7 m langes Seil und ein Knotenhalfter von Vorteil. Das Knotenhalfter ist lediglich dazu da, um das Pferd zu führen und es notfalls unter Kontrolle zu haben. Für die eigentliche Kommunikation hat es keine Bedeutung.
Das Seil dient als verlängerter Arm des Menschen. Er kann damit das Pferd jederzeit erreichen, ohne seinen Platz zu verlassen. Er kann es in unterschiedlichen "Energiestufen" einsetzen (zeigen, schütteln, werfen) und darüber Tempo, Gangart und Richtung bestimmen.
Eine Longe oder eine Longierpeitsche erfüllen grundsätzlich den gleichen Zweck. Allerdings lässt sich eine Longe nicht so zielgenau und energisch werfen, und eine Longierpeitsche ist spätestens dann hinderlich und wirkt abweisend, wenn man zum Pferd geht bzw. wenn das Pferd zu einem kommen soll.



Kommunikation in der Praxis

Begrüßung im Round-Pen

Für das erste Mal im Round-Pen ist es wichtig, dass das Pferd seine neue Umgebung in Ruhe erkunden kann. Lassen Sie es dafür allein und geben Sie ihm genügend Zeit (etwa 10 min). Beobachten Sie es aus der Distanz. Wenn es anfängt, sich zu langweilen, ist der günstigste Zeitpunkt, um das Round-Pen zu betreten. Stellen Sie sich in die Mitte und warten Sie in entspannter Haltung auf das Pferd ohne es anzuschauen. Die meisten Pferde kommen nach kurzer Zeit. Einige bleiben in einem respektvollen Abstand vor einem stehen. Andere nähern sich und gehen dicht an einem vorbei. Sie spielen das Spiel: Wer bewegt wen. Lassen Sie sich davon nicht beeindrucken und weichen Sie auf keinen Fall aus.
Wenn das Pferd zu Ihnen kommt, streicheln Sie es ausführlich am ganzen Körper. Schaffen Sie als Einstieg eine Atmosphäre, in der es sich wohlfühlt.

Sollte das Pferd nicht von selbst kommen, nehmen Sie es nicht persönlich. Das Vertrauen soll ja erst wachsen. In diesem Fall gehen Sie ruhig ein paar Schritte auf das Pferd zu. Möglichst schräg von vorn in Richtung zur linken Schulter.
Ist das Pferd dagegen von Anfang an sehr aufgeregt und unternimmt sogar Ausbruchsversuche, muss man selbstverständlich vorher eingreifen, das Pferd führen und es durch seine Anwesenheit beruhigen.


Die Basisübungen:  Grundgangarten und Richtungswechsel

Bei den ersten Begegnungen im Round-Pen geht es darum, die Aufmerksamkeit des Pferdes zu erlangen und als Ranghöherer respektiert zu werden. Vergleichbar mit einem Vorstellungsgespräch gilt auch hier: Der erste Eindruck ist entscheidend.
Sie sollten daher ein paar Regeln beachten:

Die letzte Forderung ist sicherlich am schwierigsten umzusetzen, weil man leicht zu einem übertriebenen Aktionismus neigt. Die hektischen Bewegungen verunsichern jedoch nur das Pferd. Genauso verkehrt ist es, dem Pferd hinterherzulaufen, um es anzutreiben. Das Rangordnungsprinzip wird dadurch ins Gegenteil gekehrt. Es stellt sich die Frage: Wer bewegt eigentlich wen?
Für ein dominantes Auftreten sind die richtige Position, die eigene Körperhaltung und die Blickrichtung entscheidend. Position und Blickrichtung signalisieren dem Pferd, in welche Richtung es sich bewegen soll. Die Körperhaltung verleiht der Aufforderung den gewünschten Nachdruck.
Die Position ist gekennzeichnet durch die Stellung und den Winkel zum Pferd, genauer gesagt, zu den einzelnen Zonen des Pferdes. Es sind die vier Bereiche: Kopf und Hals, Schulter, Gurtlage und Hinterhand. In jeder Zone zeigt das Pferd typische Reaktionen. Nähert man sich energisch dem Kopf-Hals-Bereich oder visiert diesen mit strengem Blick an, wird das Pferd sich von einem abwenden. Die Schulter stellt eine neutrale Zone dar. Der Bereich hinter der Gurtlage wirkt vorwärtstreibend. Eine Annäherung an die Hinterhand, bzw. der Blick in die Richtung veranlasst das Pferd, sich einem zuzuwenden. Eine weitere Zone liegt unmittelbar vor dem Pferd. Sie wirkt bremsend auf die Vorwärtsbewegung.


Pferdetypische Reaktionen
Zone 1:
Das Pferd wendet sich
vom Menschen ab
Zone 2:
neutraler Bereich
Zone 3:
treibender Bereich
Zone 4:
Das Pferd wendet sich
dem Menschen zu


Damit das Pferd reagiert, muss man sich der jeweiligen Zone nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper zuwenden. Man muss den Willen haben, das Pferd zu bewegen! Es muss die abweisende Haltung in diesem Bereich spüren.
Genügt die Körperhaltung und die damit verbundene Ausstrahlung allein nicht, wird der Druck auf das Pferd stufenweise erhöht. Auch hierbei werden die "vier Phasen der freundlichen Bestimmtheit" angewendet, um das Pferd auf feine Hilfen zu sensibilisieren (siehe auch: Bodenarbeit/am Führseil/Lernmethoden).
In der darauf folgenden Stufe zeigt man mit dem Seil in der Hand auf die entsprechende Zone, dann schüttelt oder wedelt man mit dem Seil und als höchste "Energiestufe" wirft man es zielgenau in die Richtung. (Letztes sollte man vorher ohne Pferd geübt haben!)
Sowie das Pferd reagiert, muss der Druck sofort aufhören, egal in welcher Stufe. Eine neue Aufforderung beginnt immer mit der niedrigsten Stufe, also mit Blickrichtung und Körperhaltung.


Aufforderung zum Trab
Nachdem Sie das Pferd begrüßt haben, beginnt die eigentliche Arbeit. Schicken Sie das Pferd zunächst in Richtung Hufschlag, indem Sie auf die Zone 1 einwirken. Sollte es nicht von Ihrer Seite weichen, wirken Sie mit beiden Händen energischer auf auf das Pferd ein. Tun Sie so, als wollten Sie es mit den Fingerspitzen nass spritzen, stampfen Sie mit dem Fuß auf oder straffen Sie das Seil ruckartig zwischen den Händen etc..

Hat das Pferd den Hufschlag erreicht, lassen Sie es einen Moment im Schritt gehen. Halten Sie das Seil in großen (wurfbereiten) Schlaufen in der einen und das Ende mit dem Verschluss in der anderen Hand. (Das Seil gehört immer in die treibende Hand!)
Dann fordern Sie - an einer gedanklich markierten Stelle - das Pferd mit der Stimme zum Trab auf. Es sollte punktgenau antraben und sich nicht erst allmählich in Bewegung setzen. Wieviel Druck Sie dafür aufbauen müssen, ist sehr unterschiedlich und hängt vom Temperament des Pferdes ab. Dabei gilt die Regel: Das Pferd darf sich Ihren Anweisungen durch Flucht entziehen. Da es im Round-Pen jedoch nicht wirklich fliehen, sondern nur in eine höhere Gangart wechseln kann, wird es lernen, dass Flucht keine Lösung ist. Grundsätzlich darf das Pferd sich schneller als gefordert bewegen, aber niemals langsamer.

Lassen Sie es ein paar Runden traben und achten Sie darauf, dass es Tempo und Richtung beibehält. Solange das Pferd wie gewünscht läuft, drehen Sie sich mit dem Pferd um Ihre eigene Achse und blicken dabei mit ihrem ganzen Körper auf die neutrale Zone (Bild b). Wenn es versucht, in den Zirkel hineinzudrängeln, erhöhen Sie den Druck in dieser Zone. In den meisten Fällen genügt es schon etwas mehr Körperspannung aufzubauen.
Wird das Pferd dagegen langsamer, schauen Sie zur treibenden Zone und heben die Seilhand. Manchmal ist es notwendig, die treibende Wirkung zu erhöhen, indem Sie den Mittelpunkt vorübergehend verlassen und sich auf einem kleinen Kreis, schräg hinter dem Pferd, bewegen (Bild a). Treiben Sie nicht ständig, kehren Sie immer wieder zum Mittelpunkt und zur neutralen Zone zurück. Nur so lernt das Pferd, auf feine Signale zu reagieren.


Zurück zum Schritt
Versuchen Sie nun - wieder an einer vorgegebenen Stelle - zum Schritt durchzuparieren. Dazu drehen Sie sich in die Zone vor das Pferd. Entspannen Sie sich dabei. Wenn das Pferd nicht reagiert, zeigen Sie mit dem ausgestreckten Arm in die Richtung. Bewegen Sie die Hand so, als würden Sie einen Autofahrer auffordern, langsamer zu fahren. Nützt auch das nichts, gehen Sie - weiterhin mit ausgestrecktem Arm - in die Zone hinein. Schneiden Sie dem Pferd den Weg ab (Bild c). Aber Vorsicht, bei zu viel Druck wird es umdrehen! Wenn es auch nur den Ansatz dazu erkennen lässt, senken Sie den Arm, bleiben stehen und treiben mit der Seilhand wieder gefühlvoll vorwärts. Das Zusammenspiel der Hilfengebung und das notwendige Feingefühl werden an dieser Stelle besonders deutlich. Üben Sie die Übergänge ein paar Mal, bis sie ohne Hektik gelingen. Die punktgenaue Ausführung gelingt mit der Zeit.


Der Handwechsel
Bevor Sie mit der Galopparbeit beginnen, sollten Sie einen Handwechsel durchführen. Genau wie beim Longieren und auch beim Reiten, sollte das Pferd nicht zu lange auf einer Hand bewegt werden. Muskeln, Bänder, Sehnen und Gelenke werden sonst einseitig überlastet.
Aus dem Schritt lässt sich der Handwechsel am einfachsten üben. Suchen Sie sich wieder einen Punkt, an dem Sie damit beginnen wollen. Etwa eine Pferdelänge davor drehen Sie sich aus der neutralen Zone in die Zone vor das Pferd. Gleichzeitig wechseln Sie das Seil und den Verschluss zwischen den Händen. (Schauen Sie nicht auf das Seil herunter, sondern beobachten Sie das Pferd!) Bauen Sie Körperspannung auf, indem Sie tief einatmen und sich zur vollen Größe aufrichten. Blicken Sie dem Pferd dabei ins Auge. Versperren Sie ihm mit ausgestreckter "Seilhand" den Weg. Treten Sie gegebenenfalls energisch einen Schritt in diese Richtung. Sollte immer noch keine Reaktion erfolgen, werfen Sie das Seilende in die Zone vor das Pferd.
Das Pferd wird nach außen wenden und wahrscheinlich vor Schreck antraben bzw. angaloppieren. Warten Sie, bis es sich wieder beruhigt hat und Schritt geht. Dann wiederholen Sie den Handwechsel in die andere Richtung. Versuchen Sie, den "Energieaufwand" zu minimieren. Bereits nach wenigen Versuchen wird das Pferd ohne Hektik auf feine Signale reagieren.
Üben Sie noch ein paar Übergänge zum Galopp und beschließen Sie die erste Stunde mit einem Join-up.



Join-up und Follow-up

Bisher haben Sie dem Pferd in Ruhe, aber auch in aller Deutlichkeit versucht klarzumachen, wer der Chef im Ring ist. Sie haben die Richtung vorgegeben und es in allen Gangarten bewegt, ohne ihre eigene Position dabei aufzugeben. Jetzt kommt die Nagelprobe. Wird das Pferd Sie als Ranghöheren akzeptieren? Wird es Ihre Nähe suchen und sich Ihnen anschließen?
Entscheidend für ein Join-up ist der richtige Zeitpunkt. Dazu sollte das Pferd entspannt, aber aufmerksam im Schritt gehen. (Kopf und Hals gesenkt, zufriedene Maultätigkeit, pendelnder Schweif, das innere Ohr Ihnen zugewandt.) Sollte es schon mal den Versuch unternommen haben, den Zirkel zu verkleinern, signalisiert es grundsätzliche Bereitschaft. Lassen Sie es trotzdem noch zwei, drei Runden weiter gehen. Sie bestimmen den Zeitpunkt!


Versuchen Sie das Join-up auf der linken Hand. Ihre Ausgangsposition ist die Zirkelmitte mit Blick auf die neutrale Zone. Drehen sie sich nun um etwas mehr als 90° nach links. Versuchen Sie dabei, mit der rechten Schulter eine einladende Bewegung zum Folgen auszusprechen. Danach bleiben Sie einfach stehen, legen die Hände mit dem Seil vor den Körper, blicken vor sich auf den Boden und warten völlig entspannt. Denken Sie möglichst an etwas anderes. Eine zu große Erwartungshaltung erzeugt eine innere Anspannung, die das Pferd spürt.
In den meisten Fällen umrundet Sie das Pferd noch einige Male, bleibt dann scheinbar unschlüssig hinter Ihrem Rücken stehen und nähert sich schließlich. Wenn Sie Glück haben, stupst es Sie sogar vorsichtig an. Genießen Sie diesen Augenblick, streicheln Sie es und legen Sie dabei Ihr Herz in die Hände. Das Pferd muss spüren, dass Sie es ehrlich meinen.


Überprüfen Sie nun die Folgsamkeit. Stellen Sie sich an die linke Schulter vom Pferd mit Blick in die Bewegungsrichtung. Versuchen Sie, das Pferd zum Mitgehen zu überreden, indem Sie Ihre rechte Schulter leicht anheben und gleichzeitig nach vorne drehen. Schauen Sie das Pferd dabei nicht an. Sollte es stehen bleiben, kehren Sie langsam auf einem kleinen Kreis (2 - 3 m Durchmesser) zur Pferdeschulter zurück und versuchen im Vorbeigehen erneut, das Pferd "mitzuziehen".
Gehen Sie zuerst ein paar Schritte geradeaus, und wechseln anschließend einmal durch den Zirkel. Ist Ihnen das Pferd den ganzen Weg gefolgt, ist es mehr, als Sie für den Anfang erwarten konnten. Selbst wenn es Sie nur ein Stück begleitet hat, ist das Follow-up gelungen.
Stellen Sie jetzt keine weiteren Forderungen. Streicheln Sie das Pferd zum Abschluss noch einmal ausgiebig und entlassen Sie es. Schluss für heute!



Hinweise und mögliche Fehler:
Nicht immer klappt das Join-up so reibungslos. Es gibt viele Fallstricke.
Möglich wäre, dass ...
Im letzten Beispiel hilft es oft, wenn man völlig ungeniert gähnt und/oder in die Hocke geht. Wichtig ist, Entspannung zu signalisieren. Manchmal braucht es viel Geduld, aber es ist selten, dass ein Pferd nicht zu einem kommt.


Weiterführende Übungen

Nachdem die Rangfolge eindeutig geklärt ist, ist auch der Respekt und die Akzeptanz gegenüber dem Menschen sowie die Bereitschaft zur Mitarbeit gestiegen. Damit ist die Basis für die weiterführende Arbeit geschaffen. Bei den nun folgenden Übungen steht nicht mehr das Dominanztraining im Vordergrund, sondern es geht im Wesentlichen darum, das Vertrauen zu festigen und das Pferd als Partner zu gewinnen.

Die Innenwendung
Ein durchgängiges Prinzip für die Arbeit im Round-Pen lautet: "Raum nehmen" und "Raum geben". Bei der Außenwendung hat man dem Pferd Raum genommen, indem man den Weg nach vorn begrenzt hat. Es hat folglich mit einem Ausweichmanöver zur entgegengesetzten Seite reagiert. Bei der Innenwendung muss man dem Pferd Raum geben, damit es sich einem zuwenden kann und es sich nicht bedrängt fühlt.
Für den Richtungswechsel über eine Innenwendung nehmen Sie wieder Ihre Ausgangsposition in der Mitte des Round-Pens ein und lassen das Pferd fleißig im Schritt gehen. (Beginnen Sie auf der linken Hand, es ist einfacher!) Zur Einleitung der Innenwendung visieren Sie die Hinterhand des Pferdes an. Zur Verdeutlichung des Signals knicken Sie zusätzlich in der Hüfte seitlich ein. So, als wollten Sie am Hinterbein etwas genauer erkennen. Gleichzeitig entfernen Sie sich in dieser Haltung, auf gerader Linie rückwärts gehend vom Pferd. Versuchen Sie, sich dem Schritttakt des Pferdes anzupassen. Folgt das Pferd Ihnen langsam, werden auch Sie langsamer. Bleibt es stehen, bleiben auch Sie stehen.

In dieser Phase sind folgende Situationen denkbar:
Nach einer 180°-Wendung wird das Pferd wieder auf die Zirkellinie dirigiert.
Soll der Handwechsel auch im Trab oder sogar im Galopp gelingen, müssen Sie sich der Geschwindigkeit des Pferdes anpassen. Sie müssen sich im gleichen Tempo rückwärts bewegen, um den Raum zwischen Ihnen und dem Pferd nicht kleiner werden zu lassen.


Die Volte
Von der Innenwendung zur Volte ist es nur noch ein kleiner Schritt. Die Übung unterscheidet sich in der Ausführung lediglich im letzten Teil. Auf dem Weg von Position 3 nach Position 4 müssen Sie erneut einen Seilwechsel vornehmen. Danach konzentrieren Sie sich wieder auf die Zone 1. Sie müssen dem Pferd durch Ihre Körpersprache wieder Raum nehmen, um es zum weiteren Abwenden zu bewegen. Anschließend gehen Sie wieder auf Ihre Ausgangsposition zurück.
Die ersten Übungen werden sicherlich keine kreisrunden Volten ergeben. Dafür werden Sie sehr schnell ein Gefühl für eine fein dosierte Hilfengebung zum richtigen Zeitpunkt bekommen.










... nochmal als Bildfolge

1 2 3 4



Halt auf der Zirkellinie
Anhalten und ruhig stehen bleiben ist für viele Pferde eine Geduldsprobe. Beim Putzen zappeln sie herum und unter dem Reiter warten sie nervös auf das nächste Kommando. Oftmals bieten sie sogar ihr ganzes Repertoire an bereits Erlerntem an. Ein sauberes Anhalten sollte daher möglichst früh geübt werden.
Lassen Sie das Pferd zuerst einige Runden auf beiden Händen traben und galoppieren, um überschüssige Bewegungsenergie abzubauen. Mit der Übung beginnen Sie am besten im Schritt, und zwar auf der linken Hand. Ausgangspunkt ist wie immer die neutrale Position in der Zirkelmitte. Das Seil liegt in Ihrer rechten Hand. Zum Anhalten drehen Sie sich um etwa 45° nach links, strecken Sie den linken Arm und Zeigefinger in Richtung Umrandung aus und schauen energisch in dieselbe Richtung. Wenn Sie merken, dass das Pferd die imaginäre Haltelinie nicht beachtet, gehen sie ein, zwei Schritte in diese Richtung. Aber Vorsicht: zu viel Druck veranlasst das Pferd umzukehren! Ignoriert es trotzdem Ihre Signale und überschreitet die Haltelinie, lassen Sie den ausgestreckten Arm sinken und heben stattdessen die Seilhand. Lassen Sie es "aus pädagogischen Gründen" zwei bis drei Runden traben. Danach versuchen Sie das Anhalten erneut. Bleibt das Pferd stehen, nehmen Sie den Arm herunter und entspannen sich. Nach einer kurzen Pause können Sie fortfahren. Sie sollten die Übung jedoch nicht zu oft hintereinander wiederholen, sondern das Training abwechslungsreich gestalten. Häufig klappt am nächsten Tag perfekt, was gestern noch ausweglos erschien.


Anmerkungen / Ausblick
Grundlage für die Arbeit im Round-Pen ist die Körpersprache. Die Kommunikation sollte ausschließlich nonverbal stattfinden. So die Meinung namhafter Trainer. Trotzdem erscheint es mir sinnvoll, hin und wieder die Stimme unterstützend einzusetzen. Zum Beispiel für ein Lob im richtigen Moment oder bei einem Gangartenwechsel. Beim Longieren soll das Pferd auf die Kommandos Haaalt, Sche-ritt, Te-rab und Ga-lopp reagieren. Und zwar im fortgeschrittenen Ausbildungsstadium nur noch auf die Stimme. Warum also nicht bereits an dieser Stelle die verbalen Kommandos mit den körpersprachlichen Signalen verknüpfen?

Das umzäunte Round-Pen bietet für die Anfangsphase der Ausbildung optimale Voraussetzungen, sowohl beim Longieren als auch beim Kommunikationstraining. Bei weiterführenden Übungen ist die Begrenzung jedoch eher nachteilig. Ziel ist es schließlich, das Pferd zur freiwilligen Mitarbeit zu motivieren und ein nahezu "grenzenloses" Vertrauen aufzubauen. Enge, räumliche Grenzen stehen im Widerspruch zu diesem Konzept. Die konsequente Weiterentwicklung dieser Idee führt zur Freiheitsdressur.