Gangarten beurteilen
Allgemeines
Die Gangarten eines Reitpferdes geben Auskunft über sein Leistungsvermögen. Beim Kauf sind sie ein entscheidender Faktor, auch in Bezug auf den Preis. Bei Prüfungen haben sie wesentlichen Einfluss auf die Note und nicht zuletzt ist die Kenntnis und Beurteilung der Gangarten wichtig, um Lahmheiten bereits im Ansatz erkennen zu können.Die Beurteilung von Gangarten erfordert viel Erfahrung! Nur, jeder muss einmal anfangen. Zu Beginn hilft eine strukturierte Ganganalyse. Das Auge muss zunächst auf Details geschult werden. Mit dem Gesamtbild ist es anfangs noch überfordert. Fotos können dabei hilfreich sein. Sie können auf kritische Momente hinweisen, auf die man achten sollte.
Anderseits geben Fotos nicht den Gesamteindruck wieder. Momentaufnahmen können ungünstig sein. Man denke nur an ein galoppierendes Pferd im Moment der vorderen Einbeinstütze.
Eine wertvolle Hilfe sind Videos. Sie sind heute mit wenig Aufwand herzustellen. Es genügen kurze Sequenzen, ohne dass das Pferd Runde für Runde die Gangart beibehalten muss. Selbst Lahmheitsuntersuchungen sind damit relativ stressfrei. Die Auswertung kann in aller Ruhe geschehen und beliebig oft wiederholt werden. Eine Vergleichbarkeit zu vorangegangenen Aufnahmen ist ebenfalls möglich.
Trotz aller technischen Möglichkeiten, Ziel ist es, das Auge auf den Bewegungsablauf zu schulen. Der Schritt als langsamste Gangart ist dafür besonders geeignet. Voraussetzung ist natürlich, dass man eine Vorstellung vom idealen Schritt hat. Zur Erinnerung noch einmal die Fußfolge und die Qualitätskriterien.
Der Schritt
Die Fußfolge im SchrittDie Pferdebewegung im Schritt erfolgt im Viertakt. Im gleichmäßigen, zeitlichen Abstand werden die Hufe nacheinander gesetzt.
Aus dem Halt kann das Pferd mit jedem Bein antreten. Beginnt man z. B. mit dem Abfußen rechts hinten, dann folgt rechts vorne, links hinten, links vorne usw. . (Merksatz: gleichseitig, aber nicht gleichzeitig.) Jeweils beim Auffußen entsteht das typische Geräusch für den Viertakt. Besonders auf hartem Boden lässt sich daran die Qualität des Schrittes gut überprüfen.
Merkmale für einen guten Schritt:
- klarer Viertakt,
- losgelassen und frei aus der Schulter,
- fleißig, aber nicht eilig,
- genügend Raumgriff,
- gleichmäßiges Überfußen auf der linken und rechten Seite,
- losgelassene, über den Rücken fließende Bewegung,
- mit leichter Nickbewegung von Kopf und Hals.
Die Beurteilung des Schritts
Soweit die Theorie. Die Kriterien in der Praxis sicher zu beurteilen, ist jedoch nicht einfach. Hilfe bringt eine strukturelle Vorgehensweise, indem man sich zunächst nur auf Details konzentriert.
Akustische Beurteilung
Auf festem Boden lässt sich der Takt sehr gut mit dem Gehör überprüfen - am besten mit geschlossenen Augen. Abweichungen vom klaren Viertakt sind auch ohne musikalisches Ausbildung leicht zu erkennen. Hat man Vergleichsmöglichkeiten, kann auch die Lautstärke zur Beurteilung herangezogen werden. Ein guter, durch den Körper gehender Schritt hört sich leise an, weil die Bewegungen geschmeidig sind.
Beim Reiten muss man sich von der Bewegung des Pferdes mitnehmen lassen und den Takt erfühlen. Auch hier hilft es, mit geschlossenen Augen zu reiten und die Bewegungen mitzuzählen 1-2-3-4, 1-2-3-4, ....
Visuelle Beurteilung



Unmittelbar nach der V-Phase wird das Übertreten erkennbar. Darunter versteht man, wie weit der Hinterhuf über den Abdruck des gleichseitigen Vorderbeins hinaustritt. Für einen guten Raumgriff sind ein bis zwei Hufbreiten wünschenswert. Ein Mehr ist kritisch und kann ebenfalls zu Taktverlust und einem passartigen Schritt führen, weil das Pferd mit dem Vorderhuf eher weichen muss, um sich nicht selber "in die Füße zu treten".
Im Gesamtbild sollte eine natürliche Nickbewegung, eine zufriedene Pendelbewegung des Schweifs und eine über den Rücken fließende Bewegung deutlich erkennbar sein.
Der Trab
Die Fußfolge im TrabIm Trab bewegt sich das Pferd im Wechsel mit seinen diagonalen Beinpaaren vorwärts. Dadurch entsteht eine schwunghafte Bewegung im Zweitakt. Beim Wechsel von einem auf das andere Beinpaar sind alle Füße über dem Boden. Es kommt zu einer Schwebephase. Je länger dieser Moment dauert, desto schwungvoller ist die Bewegung. Der Taktzyklus besteht aus vier Phasen.
Kennzeichen eines guten Trabs:
- sicherer Zweitakt,
- klare Schwebephase,
- energisches Abfußen der Hinterhand,
- genügend Raumgriff ohne übertriebene Knieaktion,
- losgelassene, über den Rücken fließende Bewegung,
- zufriedener Gesamteindruck.
Die Beurteilung des Trabes
und dem diagonalen Vorderbein
Auf dem Bild ist das hintere Dreieck etwas schmaler und die Spitze leicht nach vorn verlagert. Beides deutet auf eine nicht optimale Hinterhandaktivität.
Die V-Phase ergibt kein klares V. Die Spitze fehlt. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Hinterhand nicht weit und schnell genug untertritt. Es kommt zu einem geringen Taktverlust.

Außerdem sollten die Hufspitzen in Richtung Aufsatzpunkt zeigen. Eine deutliche Voraustendenz bei den Vorderbeinen weist auf verspannte Tritte hin. Zeigen dagegen die Spitzen der Hinterhufen hinter den Aufsatzpunkt, fehlt es meistens an Versammlungsbereitschaft.
Abgesehen von der leichten Außenstellung zeigt das nebenstehenden Bild eine nahezu ideale Schwebephase.

Die Hufspitzen zeigen zum Aufsatzpunkt und das gut gewinkelte Hinterbein lässt einen schwungvollen Trab erkennen.
Die Parallelität zwischen Röhre und diagonalem Unterarm ist nicht ganz gegeben, was eine leicht gebundene Schulter vermuten lässt. Aber wie bereits gesagt: Es sind Momentaufnahmen! Erst, wenn die Mängel häufiger oder dauerhaft auftreten, lassen die Beobachtungen Rückschlüsse zu.
Die nachstehenden Aufnahmen zeigen beide eine Trabverstärkung. Sie sollen der Blickschulung dienen. Markierungen sind deshalb nicht eingezeichnet. Achten Sie bei der Beurteilung besonders auf folgende Kriterien:
- Parallelität zwischen der hinteren Röhre und dem diagonalen Unterarm,
- Raumgriff,
- Rücken- und Schweifhaltung,
- Richtung der Hufspitzen
- und den Takt.
Trabverstärkungen im Vergleich (Fotos: Shutterstock)
Der Galopp
Die Fußfolge im GaloppDer Galopp ist eine gesprungene Gangart im Dreitakt mit dazwischenliegender Schwebephase. Die Schwebephase erzeugt die schwunghafte Bewegung, die sich jedoch aufgrund der relativ großen Sprünge für den Reiter weich und harmonisch anfühlt.

Der Wechsel zwischen dem Auffußen des Hinterbeines, des diagonalen Beinpaares und dem Auffußen des Vorderbeines sollte im gleichmäßigen, zeitlichen Abstand erfolgen. Daraus ergibt sich in Verbindung mit der Schwebephase ein klarer Dreitakt. Fußen bei der diagonalen Zweibeinstütze Vorder- und Hinterbein nicht gleichzeitig auf, kommt es zum unerwünschten Viertakt (auch Vierschlaggalopp genannt).
Bei genauer Betrachtung eines Galoppsprungs (z. B. in einer Zeitlupenaufnahme) kann man erkennen, dass unmittelbar vor und hinter der diagonalen Zweibeinstütze drei Beine den Boden berühren. Ein Galoppsprung besteht folglich aus insgesamt sechs Phasen (siehe detaillierte Darstellung).
Bedingt durch die diagonal ablaufende Bewegung im Galopp (von hinten außen nach vorne innen), neigen alle Pferde dazu, auf beiden Händen schief zu galoppieren. Sie versuchen, das äußere Hinterbein mit dem inneren Vorderbein in Flucht mit der Bewegungsrichtung zu bringen. Die natürliche Schiefe lässt diesen Vorgang auf der hohlen Seite des Pferdes noch deutlicher werden.
Die wichtigsten Merkmale für einen optimalen Galopp:
- klarer Dreitakt,
- guter Durchsprung (Untertritt),
- Losgelassenheit (federnde Bewegungen, die durch den Körper fließen),
- Sprünge mit Aufwärtstendenz (Bergaufgalopp),
- genügend Raumgewinn ohne Hektik,
- richtige Fußfolge.
Die Beurteilung des Galopps
Beim Galopp fällt die Beurteilung nach einzelnen Merkmalen schwerer. Hier ist eher das Gesamtbild entscheidend.
Trotzdem sollte man auf einige Details achten. Bei allen Gangarten hat die Einhaltung des Takts oberste Priorität. Im Galopp lässt sich der klare Dreitakt exakt heraushören und von einem gestörten Viertakt deutlich unterscheiden.
Und, ... die Fußfolge nicht vergessen!



