Schiefe und Lateralität
Schiefe und Lateralität sind nicht dasselbe. Beide Begriffe sind zwar miteinander verbunden, haben aber unterschiedliche Bedeutungen. Auch die Begriffe selbst sind nicht einheitlich definiert und werden teilweise unterschiedlich interpretiert. Bei der Lateralität unterscheidet man außerdem zwischen motorischer und sensorischer Lateralität.
Zunächst eine kurze Erklärung der wichtigsten Begriffe:
- Die natürliche Schiefe ist angeboren. Sie ist charakteristisch für alle Wirbeltiere. Bereits im Mutterleib kommt es zu einer asymmetrische Entwicklung der Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder und Muskeln beider Körperhälften. Die sich daraus ergebende Unsymmetrie (Schiefe) macht sich besonders in der Wachstumsphase des Pferdes bemerkbar. Die Schiefe führt zu einer zu einer lateralen Krümmung der Wirbelsäule und damit zur ungleichen Belastung der Körperhälften. Sie macht sich in der Bewegung, beim Tragen des Reiters und sogar in der Hufform bemerkbar. Die natürliche Schiefe lässt sich aber auch noch im Erwachsenenalter durch gezielte gymnastische Übungen minimieren.
- Die motorischer Lateralität zeigt sich in der Bewegung. Darunter versteht man den bevorzugten Gebrauch der rechten oder linken Gliedmaßen des Pferdes in den verschiedenen Gangarten, im Sprungverhalten und in den Ruhephasen. Die natürliche Schiefe und die motorische Lateralität werden auch als Händigkeit bezeichnet. Sie ist vergleichbar (aber nicht gleich!) mit der Händigkeit beim Menschen (Links- / Rechtshänder).
- Die sensorische Lateralität gibt Auskunft über die bevorzugte Seite für die Sinneswahrnehmung. Mit welchem seiner paarig angeordneten Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nüstern) das Pferd unbekannte Objekte normalerweise zuerst erkundet. Daraus ergeben sich Hinweise auf die Spezialisierung der Gehirnhälften und auf die Verhaltensmuster des Pferdes.
Die naürliche Schiefe und die Lateralität sind beide genetisch bedingt. Die Schiefe wird hauptsächlich durch die Entwicklung des Körpers geprägt, die Lateralität dagegen entwickelt sich mit der Reifung des Gehirns.
Ursachen für Schiefe und Lateralität
Bei der natürlichen Schiefe ist die Wissenschaft sich nicht ganz einig. Favorisiert wird die gekrümmte Lage des Fohlens im Mutterleib, aber auch die Unsymmetrie der Organe - insbesondere die Lage des Blinddarms - wird als mögliche Ursache angeführt. Die Einwirkung des Reiters ist ein weiterer Aspekt, der die Schiefe positiv oder auch negativ beeinflussen kann.
Die Lateralität hängt hauptsächlich mit dem Aufbau des Gehirns zusammen. Die Gehirnhälften sind nicht symmetrisch, sondern sie haben unterschiedliche Aufgabenbereiche. Das ist im Sinne der Evolution durchaus vorteilhaft. Es kommt zu einer effektiven Aufgabenteilung. Die rechte Gehirnhälfte ist vorwiegend für emotionales und reaktives Verhalten zuständig (neue Informationen, emotionale Bewertung, Erfassung von Gefahren). Die linke Gehirnhälfte speichert hingegen hauptsächlich bekannte Informationen und erlernte Situationen ab (Langzeitgedächtnis). So kann das Pferd z. B. mit dem linken Auge eine Gefahr erkennen und mit dem rechten Auge gleichzeitig den Fluchtweg erfassen.
Die paarig angeordneten Sinnesorgane sind überkreuz mit den Gehirnhälften verbunden. Das linke Auge bzw. Ohr liefert die Informationen an die rechte Hemisphäre. Die Informationen vom rechten Auge oder Ohr gelangen in die linke Hälfte. Eine Ausnahme macht der Geruchsinn. Die Nüstern sind mit der gleichseitigen Gehirnhälfte verbunden.
Nicht nur die Sinneswahrnehmung ist kontralateral, auch die Steuerung der Bewegungen geschieht größtenteils überkreuz. Die Gehirnhälften sind etwa zu 80% mit der gegenüberliegenden Körperseite verbunden. Fazit: Eine Gefahr, die mit dem linken Auge wahrgenommen wird, wird in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet, die wiederum vorwiegend die linke Körperseite steuert. Dazu passen wissenschaftliche Beobachtungen: Pferde auf der Flucht galoppieren meistens im Linksgalopp.
flüchtende Pferde
Foto: Nina Weimann
Wie lassen sich Schiefe und Lateralität erkennen?
Das Thema "Natürliche Schiefe" ist bereits im Abschnitt "Dressur" ausführlich beschrieben. Die charakteristischen Merkmale der natürlichen Schiefe, die Auswirkungen auf das Reiten und die erforderlichen Korrekturmaßnahmen sind für den Reiter von großer Bedeutung. Sie sollten in diesem Zusammenhang gegebenenfalls noch einmal nachgelesen werden. (siehe: Dressur/Geraderichten).
Um die Lateralität eines Pferdes zu bestimmen, sind längerfristige Beobachtungen erforderlich. Die motorische Lateralität lässt sich z. B. ermitteln, wenn man Pferde beim Grasen beobachtet. Welches der beiden Vorderbeine statistisch häufiger nach vorn gestellt wird, gibt Auskunft über die Lateralität (Weideschrittpräferenz). Ist es das linke Bein, deutet das auf eine Linksseitigkeit hin. Gleichzeitig aber auch auf eine Rechtsschiefe, weil folglich die rechte (verkürzte Seite) geschlossener steht. Es ist durchaus möglich, dass ein Pferd beim Grasen Linksseitigkeit, beim Scharren Rechtsseitigkeit und beim Angaloppieren wieder Linksseitigkeit aufweist etc.. Allein hieran mag man die Komplexität des Themas erkennen.
Zur Bestimmung der sensorischen Lateralität wird das Pferd mit einem unbekannten Objekt konfrontiert (Novel Object Test). In einer vertrauten Umgebung, möglichst ohne ablenkende Einflüsse, wird dem Pferd ein unbekannter, auffälliger, ruhender Gegenstand präsentiert. (Objekte, die das Pferd bereits aus dem Gelassenheitstraining kennt, sind hierfür nicht geeignet.) Es geht darum, wie das Pferd sich dem Gegenstand nähert. Mit welchem Auge wird das Objekt vorwiegend betrachtet? Mit welcher Nüster wird es hauptsächlich beschnuppert? Und, falls das Objekt Geräusche von sich gibt, mit welchem Ohr lauscht das Pferd?
Zugegeben, bei Ohren und Nüstern ist die Zuordnung nicht ganz so einfach, aber beim Hinschauen lässt sich die Lateralität deutlich erkennen.
Das Pferd wendet den Kopf, um das Objekt zu betrachten.
Um die Lateralität sicher zu bestimmen, müssen selbstverständlich viele Tests mit verschiedenen Objekten in einem größeren zeitlichen Abstand durchgeführt werden.
Stirnwirbel mit sternförmigen Verlauf
Erkenntnisse für den Alltag
Jeder kennt die Situationen: Das junge Pferd lässt sich auf der linken Hand besser longieren als auf der rechten. Oder: Die Mülltonne am Straßenrand, die das Pferd auf dem Hinweg unbeeindruckt passiert hat, kann auf dem Rückweg, wenn sie mit dem anderen Auge wahrgenommen wird, plötzlich zur vermeintlichen Gefahr werden. Ursache ist die sensorische Lateralität. Das Pferd beurteilt die Situation aus der neuen Perspektive völlig anders.
Schon diese beiden Beispiele machen deutlich, dass es zweckmäßig ist, Kenntnisse über die Lateralität zu besitzen, um gefährlichen Situationen vorzubeugen und das Pferd besser verstehen zu können.
Sensible und besonders aufmerksame Pferde neigen eher zur Linksseitigkeit. Unter Stress zeigt sich die Linkslateralität sogar verstärkt. Ein Signal, dass der Mensch nicht übersehen und entsprechend reagieren sollte! Entspannung ist dann die beste Trainingsmaßnahme.
In unbekannten oder sogar kritischen Situationen ist es daher ratsam, erst einmal Vertrauen zu schaffen, indem man beginnt, mit dem Pferd in aller Ruhe von der linken Seite zu arbeitet. Erst, wenn die Aufgabe zufriedenstellend gelöst worden ist, sollte man auch zur anderen Seite wechseln. Immer nach dem Grundsatz: Vom Leichten zum Schweren oder in diesem Fall vom Bekannten zum Unbekannten.
Durch Training lässt sich die Lateralität minimieren. Ziel ist es, eine balancierte Verarbeitung in beiden Gehirnhälften zu fördern. Im Pferdealltag sieht es jedoch anders aus: Den alten Gewohnheiten folgend werden die Pferde fast ausschließlich von links geführt, gesattelt und von links wird aufgesessen. Es ist ein Relikt aus der Kavallerie, die durch das Tragen des Säbels begründet war. Heute besteht dazu keine Notwendigkeit. Im Gegenteil, es ist ratsam, Reize im Training bewusst beidseitig einzusetzen. Das Pferd auch mal von rechts zu führen und von rechts aufzusteigen, ist für eine ausgewogene Lateralität förderlich. Besonders beim Springen ist es für ängstliche Pferde wichtig, dass sie neue, furchteinflößende Hindernisse vor dem Sprung sowohl von links als auch von rechts erkunden können. Gleiches gilt beim Gelassenheitstraining.
Natürliche Schiefe und Lateralität beeinflussen sich gegenseitig. Eine Linkslateralität kann eine natürliche Schiefe nach links verstärken. Umgekehrt kann sich die Lateralität im Laufe der Zeit durch die Schiefe verändern. Deswegen sollte die Lateralität bereits beim Training junger Pferde berücksichtigt werden.
Auch wenn in diesem Artikel der Schwerpunkt scheinbar auf die Lateralität gelegt worden ist, dann nur deswegen, weil das Thema noch weitgehend unbekannt ist. Für die Gesundheit eines Reitpferdes hat jedoch die natürliche Schiefe größere Bedeutung. Sie muss ein Leben lang durch gymnastizierende Übungen korrigiert und damit minimiert werden. Eine vollständige Kompensation der natürlichen Schiefe ist in der Praxis kaum möglich.



